Pro-Lernen

In der Folge stellen wir unser Projekt 'Pro-Lernen' vor, in welchem wir einem interessierten Kreis von Eltern und anderen lernenden Menschen darstellen wollen, wie wir Bildung Zuhause mit unseren Kindern angehen, was unsere Vision und unsere Ziele sind, was wir unter Lernen verstehen, was unsere Ansätze dazu sind und was unsere aktuellen Projekte sind. Lassen wir uns von den Kindern zurück führen zur Lust am Lernen, erforschen wir mit ihnen, was es heisst, Mensch zu sein.

30. Oktober 2007

Lese-Entwicklung

Seit einiger Zeit liest uns Sara regelmässig Geschichten vor. Aus ihrem Geschichtenordner wählt sie zwischen einfacheren und schwierigeren, kürzeren und längeren Geschichten aus, sucht sich einen bequemen Platz und beginnt zu lesen. Sie liest die einfacheren Geschichten fliessend und deutlich, mit einer schönen Aussprache und versteht auch alles, was sie liest. Das Lesen hat ihr nie jemand beigebracht. Es hat ihr auch nie jemand Druck gemacht, dass sie lesen lernen sollte. Das war ihr eigenes Bedürfnis. Und in einer lesenden Familie, so glauben wir, ist es nicht einmal zu vermeiden, dass ein Kind irgendwann einmal lesen lernen will. Bei Sara kam das Interesse für Buchstaben, als sie viereinhalb Jahre alt war. Sie beobachtete mich damals, wie ich auf einen bereits adressierten Brief neben die Marke ein grosses A schrieb und wollte wissen, weshalb ich hier ein Tipi (Zelt) male. Von da an sah sie überall jedes A und wir hängten die Buchstabentabelle von Dr. J. Reichen auf, auf der jeweils ein Bild und daneben der entsprechende Anfangsbuchstaben zu sehen ist. Es dauerte nicht lange, und sie kannte jeden Buchstaben. Parallel dazu richteten wir ihr eine Buchstaben-Ecke ein mit verschiedensten Materialien zum Buchstaben tasten und fühlen, malen, memorieren, spielen, usw. All dieses Material interessierte sie aber nicht im Geringsten. Erst nach ca. einem Jahr holte sie dort die Wort-Bild-Karten hervor. Aus heiterem Himmel las sie nun ganze Wörter und suchte das entsprechende Bild dazu. Für einen Monat war dieses Spiel ein Hit für Sara, danach war wiederum Pause für ein weiteres Jahr. Natürlich war nicht wirklich Pause für Sara, doch das Lernen geschah innerlich und für uns meist unmerklich und man hätte meinen können, dass sie kein Interesse mehr am Lesen hat. Nun hat sie vor kurzem einen dicken Geschichten-Ordner hervorgeholt und liest seither mit Begeisterung ganze Geschichten darin. Dieses Beispiel zeigt einmal mehr, dass man die Kinder nichts lehren muss. Sie bringen es sich selber bei, sofern die Umgebung es auch zulässt. Vielleicht findet es unter solchen Bedingungen einfach natürlicherweise statt. Vom Buchstaben zum Wort zu Sätzen vergingen so ungefähr zwei Jahre unmerkliches Lernen.

Wir können darüber nur staunen.

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12. Oktober 2007

Harmonischer Behördenkontakt

Eine Schachtel voller Lehrmittel, mit welchen in unserem Kanton AR in der 1.Klasse gearbeitet wird, ist heute bei uns eingetroffen. Diese Lehrbücher und Übungshefte werden uns von den Behörden kostenlos zur Verfügung gestellt. Für Sara sehen wir diese Lehrmittel als Angebot unserer vorbereiteten Umgebung, was bedeutet, dass Sara allein entscheiden darf, ob und wann und wie sie mit diesen Büchern und Heften arbeiten will. Unsere Behörden sind uns wohlgesinnt und wir dürfen mit der zuständigen Fachfrau des Departements für Bildung einen harmonischen Kontakt pflegen. Für den "häuslichen Unterricht" (so wird das hier genannt) haben wir einige wenige, jedoch in unseren Augen sinnvolle Auflagen zu erfüllen. So wird von uns z.B. verlangt, dass wir ein Lerntage-bzw. Wochenbuch und eine jährliche Reflexion über das Kind schreiben. Immer wieder fällt uns auf, dass sich interessierte Unschooler gerade mit diesen Bedingungen oft schwer tun. Jemand fragte mich einmal, ob ich denn dieses Lerntagebuch für die Behörden tatsächlich schreibe oder ob ich einfach so tue als ob ich es schreiben würde. Doch es stimmt beides nicht! Denn seit der Geburt (bzw. schon während der Schwangerschaft) jedes einzelnen Kindes schreibe ich ein Lerntagebuch und dies nicht etwa für die Behörden, sondern einzig und allein für das Kind und für uns Eltern. Die jährliche Reflexion zu Händen der Behörden ist dann sozusagen ein Resumé des Ganzen und bringt die Lernfortschritte in den verschiedensten Bereichen klar zum Ausdruck und zeigt, wo das Kind steht. Für die Behörden, die sich trotz allem in der Verantwortung wägen, ist die Reflexion wichtig, damit sie sehen, dass überhaupt Lernfortschritte stattfinden und dass darüber reflektiert wird.
Alles in allem können wir zu diesem Thema sagen: Null-Stress, die Kinder lernen, wir als Eltern lernen und die Behörden lernen vielleicht auch etwas.

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