Pro-Lernen

In der Folge stellen wir unser Projekt 'Pro-Lernen' vor, in welchem wir einem interessierten Kreis von Eltern und anderen lernenden Menschen darstellen wollen, wie wir Bildung Zuhause mit unseren Kindern angehen, was unsere Vision und unsere Ziele sind, was wir unter Lernen verstehen, was unsere Ansätze dazu sind und was unsere aktuellen Projekte sind. Lassen wir uns von den Kindern zurück führen zur Lust am Lernen, erforschen wir mit ihnen, was es heisst, Mensch zu sein.

16. November 2008

Märchen und Geschichten

Mit einer mehrfachen Mutter, deren Kinder eine selbstbestimmte, nicht-direktive Schule besuchen, durfte ich kürzlich ein interessantes Gespräch führen. Sie erklärte mir, weshalb ihre Kinder keine Geschichten und Märchen von einer CD oder Kassette hören dürfen. Sie nannte mir einige Argumente, welche ich teils nachvollziehen konnte, teils aber auch nicht. Auf jeden Fall regte mich das Gespräch an, über das Thema nachzusinnen und auch im Internet darüber zu recherchieren. Einige Argumente aus diesem Gespräch möchte ich hier tiefgründiger untersuchen.

Argument 1: Märchen sollten von der Mutter erzählt werden. Dann können auch böse Hexen vorkommen und das Kind fühlt sich immer noch geborgen, weil ja die vertraute Mutter das Märchen erzählt.

Leuchtet mir einerseits ein. Doch ich frage mich immer wieder, weshalb ich den Kindern überhaupt Märchen von bösen Hexen und bösen Stiefmüttern erzählen sollte. Sicher, den Märchen sagt man eine tiefenpsychologische Wirkung nach und dass sie sehr heilend sein können. Mag ja sein. Doch den Wenigsten ist heute bewusst, dass diese Märchen ursprünglich für Erwachsene geschrieben wurden und nicht für Kinder. Des Weiteren wurden die heutigen Märchen fast alle aus religiösen Gründen "bereinigt" und teils umgeschrieben, so dass ihre Grundsubstanz kaum noch durch die späteren Überlagerungsschichten hindurchscheint. Die Gebrüder Grimm beispielsweise schrieben nichts von bösen Hexen, sondern von Heilerinnen. Naturgeister wurden in Engel verwandelt, hilfreiche Fabeltiere, die einem den Weg in die Unterwelt der eigenen Seelentiefen weisen können, wurden in sinnlos grausame Teufel oder Dämonen verwandelt und sexuelle Elemente wurden ganz eliminiert. Wieso sollte ich also unseren Kindern jedes Märchen erzählen, welches dem Ursprung und deren magischen Bedeutungen gar nicht mehr gerecht wird?

Argument 2: Kinder empfinden Märchen lange nicht so brutal wie wir Erwachsenen. Wichtig ist, dass man ihnen keine Bilder zeigt. Sie sollen sich ihre eigenen Bilder machen.

Dass sich Kinder ihre eigenen Bilder machen sollen und dass diese dann sicher weniger brutal ausfallen, ist mir sehr bewusst. Sie erhalten somit die Chance, die Geschichte in ihrer eigenen Welt auszumalen und zu erleben. Andererseits gibt es viele Geschichten, die gerade von den wunderschönen Bildern leben und diese möchte ich unseren Kindern nicht immer vorenthalten!

Argument 3: Eine Geschichte von einer CD oder Kassette zu hören überflutet und überfordert die Kinder. Es sind zu viele Eindrücke, welche sie nicht verarbeiten können und zudem kann man als Eltern nicht abschätzen, was diese Geschichte beim Kind auslöst.

Unsere Kinder lieben Geschichten und ich erzähle viel und gerne. Trotzdem haben wir auch CD's. Nicht irgendwelche CD's, sondern ausgewählte CD's. Nebst einem sinnvollen, "ruhigen"  Inhalt der Geschichte müssen auch noch andere Dinge stimmen, bevor ich sie den Kindern mit gutem Gewissen vorlegen kann. Es gibt hervorragende GeschichtenerzählerInnen, die können eine Geschichte auf solch faszinierende Art und Weise erzählen und mit passenden Liedern umrahmen, da kann ich selber nicht mehr mithalten! Was die Geschichte beim Kind auslösen wird, kann ich im Voraus nicht wissen. Da ich als Unschooling-Mutter jedoch sehr viel Zeit mit meinen Sprösslingen verbringen darf, traue ich mir zu, dass ich zumindest abschätzen kann, ob die Geschichte passen könnte oder nicht. Würde ich feststellen, dass die Kinder nach dem Hören einer CD sich auffällig verhalten, dann hätten wir schon lange keine CD's mehr!

Ich bin schon der Meinung, dass das Alter eine bedeutende Rolle spielt. Je kleiner, je weniger passen die CD's. Da ist die Stimme der Mutter (oder anderer vertrauter Personen) so wichtig wie deren Körperkontakt zum Kind. Je älter aber, desto mehr verschiedene Medien sollen integriert werden.

Argument 4: Die Kinder eine CD hören lassen, ist wie einen Schnuller dem Baby in den Mund stecken. Es ist eine Ablenkung und ein Ruhigstellen.

CD = Schnuller? Das ist ein interessanter Vergleich und in gewissen Fällen mag das sicher zutreffen. Aber ob das gleich bei allen zutrifft? Wenn unsere Kinder eine Geschichte ab CD hören, dann tun sie das aus völlig freiem Willen und eigenem Antrieb. Sie hören die CD absolut konzentriert und ohne dass sie nebenbei noch spielen. So werden sie auch nicht überflutet. Sicher kann man sagen, dass eine CD vom Prinzip her immer direktiv ist, da sie von aussen auf das Kind einwirkt. Die Gefahr, dass Kinder (auch Erwachsene) Probleme mit dem Hören einer CD verdrängen und sich davon ablenken, ist sicherlich da. Da gilt es als Eltern wach zu sein! Für uns ist dies allerdings kein Grund, unsere Kinder von diesem Medium fernzuhalten. Obwohl Sara und Olivia freien Zugang zu den CD's haben, benutzen sie diese manchmal wochenlang nicht, was bedeutet, dass sie ganz und gar nicht abhängig davon sind.

Argument 5: Im Auto die Kinder eine CD hören lassen, würde ich nie tun. Es ist schon viel Stress für die Kinder von zu Hause wegzugehen. Hinzu kommen noch die vielen Eindrücke vom Auto aus. Da wäre es einfach zuviel, wenn sie noch eine Geschichte zu hören bekommen.

Hm, ja, könnte was Wahres dran sein! Aber es könnte ebenso gut umgekehrt sein, nämlich, dass eine vertraute CD den Kindern Vertrauen schenkt und den Stress vom Weggehen von zu Hause wegnimmt. Allerdings muss ich ehrlich sagen, dass mir bis jetzt nicht aufgefallen ist, dass es für unsere Kinder Stress ist, wenn wir von zu Hause weggehen. Vielleicht liegt es daran, dass wir nicht weggehen müssen. Gehen wir weg, dann ist das (fast) immer freiwillig.

Ist schon interessant, welche Märchen uns heute so erzählt werden. Was meinen denn unsere Blog-Leser zu diesem Thema?

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5. November 2008

Pro-Lernen *eDu* im November

Egal ob gross oder klein: wer gestern am *eDu* teilgenommen hat, war sich einig: "ÄS ISCH UUUUUUUUUU-LÄSSIG  GSI!!"Filzen einer Adventskugel Die Kinder sind entzückt vom Lämmli

 

 

 

 

 

 

 

 

Unter dem Motto "Vom Schaf zum fertigen Produkt" erlebten wir im "Filzkeller lanicula" einen lehrreichen und spannenden Tag. Esther Eisenhut, die Inhaberin des Filzkellers und des Bauernhofes mit vielen Schafen, managte uns mit viel Liebe und Engagement durch den Tag. Ohne dass die Kleinsten überfordert wurden oder dass es den Ältesten langweilig wurde, schaffte sie es, viel Interessantes über die Produktion von Wolle zu vermitteln. Umrahmt von  Liedern und einer passenden Geschichte durften wir mit Spinnen am SpinnradEinbezug von allen SinnenKonzentriertes Lauschen der Bildergeschichte

gleich selber das Meiste ausprobieren. Vom Schaf streicheln, Schafwolle fühlen und spüren und riechen, bis zum Wolle reinigen und waschen, karden und spinnen fehlte es an nichts. Als krönender Abschluss durften alle eine kleine Adventskugel filzen. Es wurde uns allen klar, dass zwar das Prinzip des Wollhandwerks einfach ist, deren Ausübung wie z.B. das Spinnen jedoch einiger Handfertigkeit und Übung verlangt.

Dieser *eDu* wird uns sicher allen noch lange in Erinnerung bleiben, nicht nur, weil es ein besonders schöner Tag war, sondern auch deshalb, weil zweimal der Anschluss auf einen Zug verpasst  wurde und wir somit auch die Nachteile des öVs zu spüren bekamen.   

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2. November 2008

unerzogen mit Kindern wachsen

Während der Begriff unerzogen im Zusammenhang mit Kindern in einer althergebrachten Weltanschauung bereits eine ultimative Ablehnung auslöst, können wir mit dem zweiten Teil des Titels mit Kindern wachsen wieder die Anschlussfähigkeit zu dieser erwähnten Welt schaffen. Diese beiden Teile des Titels positiv zu verknüpfen ist auch die Absicht dieses Blogeintrages.

'unerzogen' und 'Mit Kindern wachsen' sind nämlich zwei Zeitschriften, mit denen wir sympathisieren und auf die wir hier aufmerksam machen wollen. Während 'unerzogen' eine neue Zeitschrift ist, welche erst Ende 2007 mit der Publikation gestartet hat, ist 'Mit Kindern wachsen' eine sehr etablierte Zeitschrift, welche wir schon seit bald 10 Jahren abonniert haben.

'Mit Kindern wachsen' begleitet Eltern in der Art und Weise, wie und mit welcher Geisteshaltung mit Kindern umgegangen werden soll. Nährende Säuglingspflege, Achtsamkeit im Umgang mit Kleinkindern und alternative Schulmodelle, wie Freie Schulen werden tiefgründig behandelt. Bildung zu Hause war anfangs überhaupt kein Thema. Momentan bemerken wir aber ein subtiles Einlenken bezüglich dieser Art des 'sich bildens', indem dieses Jahr Artikel in diese Richtung publiziert wurden.

'unerzogen' hat sich dagegen gegen die repressive Deutsche Schulpflicht und die politische Arbeit für eine generelle Bildungsfreiheit verschrieben. Sie kämpfen für die freie Wahl und das Recht, sich zu Hause zu bilden. 'unerzogen' verschreibt sich eher dem Unschooling als dem religiösen und fundamentalen Lager der klassischen Homeschooler.

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In der aktuellen Ausgabe (Oktober 08) von 'Mit Kindern wachsen' hat es einen interessanten Artikel mit dem Titel: Das Recht zum Experiment.

Dort führt Marie Martin ein Gespräch mit dem Gestalt-Theoretiker und -Theorielehrer, Trainer, Coach und Schriftsteller Dr. habil. Stefan Blankertz. Dabei möchte ich einfach ein paar philosophische Kernsätze aufführen, die in diesem Gespräch aufkamen und die Anlass zum Denken geben (uns jedenfalls):

"Je mehr wir die Unterprivilegierten, wie man damals sagte, zwingen und locken, zur Schule zu gehen, um so grösser wird die Ungleichheit und um so mehr Gewalt unter den Jugendlichen wird es geben." (Goodman, 1960)

"Auch der beste pädagogische Impuls, die beste didaktische Methode wird ins Gegenteil verkehrt, wenn nicht der Rahmen der Wahlfreiheit gegeben ist."

"Es ist vollkommen in Ordnung, dass die Mehrheit konservativ ist. Sie wartet ab, was bei den Experimenten herauskommt. Wichtig ist aber, dass die Minderheit das Recht zum Experiment erhält."

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In der aktuellen Ausgabe (3/08) von 'unerzogen' hat es einen interessanten Artikel mit dem Titel: Was ist Bildungsfreiheit?

Dort wird ein erster Auszug aus einem Gespräch mit dem freischaffenden Philosophen und Publizisten Bertrand Stern veröffentlicht. Auch hier führe ich nur ein paar philosophische Kernsätze auf, die uns zum Denken veranlasst haben:

"'Das Recht, sich frei zu bilden', verweist auf die Person und ihre Autonomie und würdigt sie als Subjekt, das sich frei bildet."

"Nichts scheint mir so tragisch wie die Annahme, wir müssten uns mit den tradierten Bedingungen abfinden."

(Persönliche Anmerkung: Die Finanzmarkt-Krise lässt grüssen! Es braucht scheinbar immer Krisen, resp. Katastrophen, um Mythen zu entlarven.)

"Die Verknüpfung von Bildung und Schule stellt eine unzulässige Kausalität dar, so verkehrt, wie die kausale Verkettung mit dem Donner und dem zornigen Gott."

Auf Seite 53 sind noch Rezensionen von interessanten Blogs aufgeführt, welche wir überrascht zur Kenntnis genommen haben ;-)).

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Für uns sind sowohl 'unerzogen' als auch 'Mit Kindern wachsen' sehr wertvolle Zeitschriften, da sie repräsentieren, dass wir mit unseren persönlichen Erkenntnissen nicht alleine auf der Welt sind und unzählige Menschen auf diesem Planeten unabhängig voneinander zu gleichen Schlussfolgerungen kommen.

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